Biography

LÖWENHERZ

  JOHANN-DIETER FREIHERR VON MALSEN-PONICKAU

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte

                                                        Friedrich Schiller, WALLENSTEIN


Johann-Dieter Freiherr von Malsen-Ponickau ist tot. Die Trauer um eine der interessantesten und prägnantesten Persönlichkeiten der Region Schwaben und der internationalen Society  ist groß. Wer ihn kannte, wusste um sein großes Herz für Menschen, Tiere und Natur – auch um seine Ungeduld, der er durchaus schroff Ausdruck verleihen konnte.

Solange er mit seiner zweiten Frau, der italienischen Prinzessin Fiorenza Colonna di Stigliano, auf Schloss Osterberg wohnte, war der kleine Ort ein Treffpunkt internationaler Prominenz. Die Reiter-  und Jagdfeste waren legendär. Kavallerie-Abordnungen aus Frankreich, England, Italien, Tschechien, Österreich, Dänemark oder Belgien  trafen auf Gäste des internationalen Adels und herausragende Persönlichkeiten gesellschaftlicher Prominenz. Dieter rief und alle kamen. Sein Einsatz für europäische Verständigung war vom Charme eines genialen Event-Managers geprägt. Langjährige Freundschaften entstanden über Grenzen der europäischen Länder hinweg.

Er war ein Ästhet, mit einem Erscheinungsbild vollendeter Eleganz  und dem Schönen in jeglicher Form durchaus hold. Nachlässigkeit und Schlamperei waren ihm zutiefst zuwider, weshalb er auch immer  selbst Schwerstarbeit leistete und Hand anlegte, wenn im Schloss Reparaturen anstanden. Eine Mischung aus Kreuzritter und Dandy – ein Löwenherz.

Sein Leben war – wie bei vielen seiner Generation – von den gesellschaftlichen Umbrüchen der Nazi-Diktatur und dem Zweiten Weltkriegs gezeichnet, von Not, Flüchtlingselend und ständigen Gefahren. Er gehörte der verlorenen Generation an, die zuletzt, als Halbwüchsige,  auch noch an der Front verheizt wurde. Im günstigsten Fall waren sie Zeugen des nie dagewesenen Zusammenbruchs eines Landes, in dem es keine Traditionen und gesellschaftliche Usancen mehr gab, sondern Chaos, Zerstörung, Not, Verlust der Heimat und des Besitzes.

Baron Dieter wurde 1928 in München geboren und wuchs mit zwei Brüdern, Witho und Achim, im Schloss Niederraunau auf, Besitz der Ponickau seit dem 18.Jahrhundert, als ein Vorfahr die Tochter der reichen Patrizierfamilie Von Jenisch in Kempten heiratete.

Die Eltern trennten sich, als der Krieg begann. Die Mutter, eine preußische Frau von Willich, ging mit ihren Kindern zurück ins elterliche Schloss Caputh bei Potsdam, idyllisch an der Havel gelegen. Ein Haus im Ort  bewohnte im Sommer Albert Einstein, ein Bekannter der Familie, mit dem Dieter später in Amerika wieder Kontakt knüpfte. Dieter  besuchte eine zeitlang die Ritter-Akademie in Templin und 44/ 45 das humanistische Viktoria-Gymnasium in Potsdam. Im März 1945 flüchtete Frau von Willich gemeinsam mit Dieter auf einem Pferdewagen  zu ihrer Schwester nach Illereichen in der Nähe von Ulm.  Sie lebte mit den Söhnen zunächst bei Verwandten, den Hermann auf Schloss Wain, da in Osterberg  die zweite Frau des Vaters wohnte und zahlreiche Flüchtlinge aufgenommen werden mussten. Dieter von Malsen-Ponickau wurde in Salem eingeschult.

Nach der Schule zog der Baron mittellos nach Paris und suchte Arbeit. Zunächst schleppte er in den Hallen  Schlachtvieh und Fleisch. Danach  hatte er   die Möglichkeit, über Familienbeziehungen ins Stahlgeschäft einzusteigen. Es war zur Zeit des Koreakriegs eine kluge Entscheidung, da deshalb Stahl knapp war Seine Erziehung und Sprachenkenntnisse waren zweifellos bei diesem weiteren Berufsweg vorteilhaft. Er verkaufte europäischen Stahl nach Amerika für Zündkerzen und kam allmählich zu Vermögen. Schließlich  wanderte er selbst nach Amerika aus und lernte bei Bankier Hirsch – gemeinsam mit seinem besten Freund Rudolf Graf Fugger-Babenhausen – das Börsengeschäft, legte das Examen als Börsenmakler erfolgreich ab.

Danach zog er im Auftrag des Bankiers Hirsch in den damals immer noch sehr wilden Westen  und bohrte in Oklahoma und Texas nach Öl.  Das Geschäft war sehr erfolg-, die Bohrungen rohstoffreich.  Noch 20 Jahre später  sprudelten die Quellen.

Auch im Auftrag von Hirsch ging der Baron nach Hollywood, um dort Filme zu produzieren – Verfilmungen nach Erzählungen von Mark Twain. Auch hier fand er

viele Frauen und Freunde unter den Filmgrößen wie Zsa Zsa Gabor oder Jane Russel.

1956 erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters und der Auftrag, Schloss Osterberg zu übernehmen: Sein älterer Bruder Witho war1950 bei einem Jagdunfall bei den Fürsten Hohenzollern in Sigmaringen tödlich verunglückt. Die erste Initiative nach der Rückkehr war die Bereinigung von Altlasten, die seit langem auf dem kleinen Besitz lagen: Schulden in Höhe von 400000 Goldmark.

Dieter von Malsen-Ponickau kam als reicher Mann von Amerika zurück, aber die Verpflichtungen des Schlossbesitzes  schluckten alles: ein Fass ohne Boden. Von Beginn seiner Rückkehr an, packte er selbst bei Renovierungsarbeiten an.

1962 gründete er in der Nähe von Paris eine florierende Brotfabrik – die Franzosen  kamen auf den Geschmack, statt immer nur Weißbrot auch würziges Schwarzbrot aus Deutschland zu genießen. Die Brotfabrik wurde aber bald auch gesellschaftlicher  Treffpunkt, da Dieter in den Hallen der Fabrik große Feste veranstaltete, an denen tout Paris und andere gern teilnahmen – so beispielsweise seine  Freunde Salvatore Dalí, die Maharani von Baroda oder Soraya.

Aber die Verpflichtung für seinen Besitz in Osterberg zwang ihn dort zu immer mehr Präsenz.  1973 heiratete er Prinzessin Fiorenza Colonna di Stigliano in zweiter Ehe – aus ältestem europäischen Hochadel. Die Colonna  sehen als bedeutendes römisches Adelsgeschlecht auf eine große Geschichte zurück:  Die Wahl eines Colonna zum Papst Martin V. (1417) beendete das langjährige Schisma der Kirchengeschichte. Viele Kardinäle, Feldherrn Staatsmänner, Gelehrte und Künstler entstammen dieser Familie. Eine Dichterin aus der Familie war die Freundin von Michelangelo. In der Schlacht von Lepanto  (1571) siegten die christlichen Mittelmeermächte  unter dem Admiral Colonna gegen das Osmanische Reich.

Die Zeit mit Fiorenza war geprägt von einem glücklichen Familien- und Gesellschaftsleben – in einem wundervoll gepflegten  Ambiente und großen Reiter- und Jagdfesten mit internationalen Gästen. Für die europäischen Kavallerietreffen auf Schloss Osterberg bekam Dieter von Malsen-Ponickau zahlreiche Auszeichnungen und wurde auch von verschiedenen Kavallerieregimentern zum Ehrenoffizier ernannt. Gleichwohl engagierte er sich sehr für die ansässigen Vereine, reiste mit den Blaskapellen Illerzell und Ruderatshofen nach Amerika und Malta und  marschierte mit ihnen in den Lido in Paris ein. Natürlich war er und lud während seiner Bäckereizeit die Blaskapelle Illerzell mehrmals nach Paris ein, wo er mit ihnen unter Pauken und Trompeten in das berühmte Cabaret Lido Paris auf den Champs Elysées einmarschierte.

Seine abenteuerlichen Ausflüge setzte er mit der Blaskapelle Illerzell und der Kapelle seines Patronatsdorfes Ruderatshofen mit Reisen nach Amerika, Malta und Frankreich fort.  Natürlich war er auch hier immer ein gern gesehener Gast bei allen Volks- und Vereinsfesten. Er fühlte sich verantwortlich für die Geschehnisse in seiner Gemeinde und seinen Patronaten und half und unterstützte, wo und wie er konnte.

Gleichwohl blieben die Sorgen um den Unterhalt des Besitzes und wurden immer größer. Letztlich beendeten sie das Leben auf Osterberg – nicht nur zu seinem großen Leid,  sondern auch dem  seiner Familie, sondern auch der ganzen Region. Baron Dieter war heimatlos, und fand bis zu seinem Todestag kein neues Zuhause. Die Trauer um den Baron ist deshalb auch eine Trauer um den Verlust von Eleganz und Flair, die er nach Osterberg gebracht hat – auch um den Verlust der Menschlichkeit, die er ausstrahlte: Sein Herz  öffnete sich interessanten Leuten internationaler Provenienz  ebenso  wie  seinen nächsten Freunden und Nachbarn.

In einer Zeit, wo das kulturelle Erscheinungsbild in vieler Beziehung verloren geht, wo man von Eliten spricht, wenn Leute gut rechnen können, möglicherweise aber keine Tischmanieren besitzen, in dieser Zeit erlischt ein Fixstern, der bei manchen eingetrübten Stellen doch einen Glanz in die Welt brachte, den wir schmerzlich vermissen werden.

Christl Zepp

12 thoughts on “Biography

  1. I knew Dieter since I was six or seven years old in Oklahoma. He was a friend of my parents, Charles and Nancy Berry. I went to his wedding in 1965 at Schloss Osterberg, when he married Fiorenza. I do not understand the date 1973. The wedding lasted a week. Part of it was at his schloss and part of it was at hers. I had to wear Leiderhosen. I remember the German General uniforms in glass cases in the hallway of the Schloss from the FrancoPrussian War, WWI, and WWII. Michael Berry, Bainbridge Island, WA

  2. Liebe Christl, von Margarete Herold bekamen wir gerade den Tipp, wie wir den von Dir verfaßten Nachruf auffinden können. Gesagt, getan!
    Glücklich konnte sich schätzen, wer mit Dieter feundschaftlich verbunden war. Dankbarerweise konnten wir auch dies für uns in Anspruch nehmen. und haben – wenn auch nur sporadisch – den persönlichen Kontakt mit ihm aufrecht erhalten können. Seine originelle, authentische und direkte Art hat uns regelmäßig angesprochen. Wer ihn so zu nehmen wußte, wie er war, mußte ihn gern haben! Das hat er gespürt und immer mal wieder mit seinem Motto “in Treue fest” die spärliche Kontaktpflege aufgenommen. Seine großartigen, international geprägten Feste bleiben so unvergeßlich wie seine unverwechselbare, markante Persönlichkeit und sein mal offener, mal versteckter Humor. Wenn er gelegentlich ins Ruppige verfiel, konnte man dies unter Vermeidung spießerhafter Betrachtung und in Ausübung gebotener Toleranz durchaus als Zeichen seiner Zuneigung sehen und nehmen, was sich im weiteren Verlauf dieser eigen-artigen freundschaftlichen Beziehung dann auch bestätigt hat. So ist das Wort “wir werden ihn stets in Erinnerung bewahren” auf Dieter bezogen nicht mehr die geläufige Floskel.
    Großes Kompliment für Deinen Artikel, der seine faszinierende Lebensgeschichte sicher nicht nur uns eindrucksvoll und spürbar einfühlsam vermittelt.
    In Verbundenheit grüßen vielmals Benno und Brigitte.

  3. Pingback: Linkrundumschlag | stk

  4. Vielen Dank für die schöne Erinnerung an Dieter.
    Die schönen Stunden, welche wir gemeinsam mit Gleichgesinnten auf Schloss Osterberg bei der Jagd mit Hunden, bei der Grünen Jagd, bei Sommer- und Geburtstagsfesten, (Dieter hatte einen Tag vor mir Geburtstag) sowie bei Silvesterpartys verbracht haben, werden mir immer unvergesslich bleiben. Diese gehören mit zu den schönsten Stunden in meinem Leben. Ebenso wie Dieter als mein Tischherr in München bei einer Party, als er den Haarkamm zuerst im Wasserglas anfeuchten musste – das war Dieter – unvergesslich. Danke, dass wir Dich erleben durften.

  5. Dieter was a friend of my Financee’s Father Frank M Burke. They worked together and were friends. My name is Dawn James and my Financee’s name is Scott Burke my address is
    XXXX Street
    XXXX, Mi. XXXX
    USA
    Dieter came to my parents house on Lake Michigan
    we have a picture with him and my mother Elaine Burke
    My father was born June 26, 1911 and passed Mach 31, 2011
    He used to go to Germany and brought steel back to the US
    He did many other accomplishments. Please contact me. Thankyou.

    • Dawn,

      First of all, sorry for the delay. I have not monitored this site as much a I should have.

      This is one of Dieter’s sons, Daniel. I know my brothers and I would love to learn more and, if possible, perhaps have you scan and send us the picture you speak of?

      I will print out your post and contact you via mail as well.

      Warm regards,

      /Daniel

  6. Today would have been Dieter’s 87th birthday, as my cousin Philip just reminded me.

    Happy Birthday, father! I wish you were still here so we could have a nice glass of whiskey together and talk for a bit.

    Alles Gute, Kamerad!

    Your son,

    /Daniel

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>